Vielleicht für das ganze Leben

[Aus dem Forum Migration Januar 2021 des DGB Bildungswerk BUND]

Die ersten drei Besuche von Delia Soriano in Deutschland führten sie als Touristin nach Nordrhein-Westfalen. Drei Wochen blieb sie, es gefiel ihr gut. Beim vierten Mal begrüßte sie Brandenburgs Wirtschaftsminister Jörg Steinbach (SPD) persönlich: die 29-jährige Mexikanerin kam mit einem Kollegen Anfang November 2020 nach Perleberg, um im dortigen Prignitz-Krankenhaus als Internistin zu arbeiten.

Kein Bundesland ist so schlecht mit Ärzt_innen versorgt wie Brandenburg: Rechnerisch kommt hier auf 248 Einwohner_innen ein_e Mediziner_in. Seit 2019 beteiligt sich das IQ Netzwerk Brandenburg deshalb am Projekt „Specialized!“ zur Anwerbung von Mediziner_innen aus Mexiko, das von der Bundesagentur, dem Bildungsministerium, Auswärtigem Amt und IQ Netzwerk getragen wird.

Auf Facebook sah Soriano die Anzeige, ein Jahr ist das jetzt her. Sie nahm Kontakt auf, per Telefon mit der Zentralstelle für Arbeitsvermittlung. Der schickte sie ihre Bewerbungsunterlagen – und schon bald bekam sie die Telefonnummer der Personalabteilung der Prignitz-Kliniken. „Ich sollte da anrufen um zu sehen, ob es passt.” Es passte.

Von 2010 bis 2015 hat Soriano an der Universidad Nacional Autónoma de México Medizin studiert, drei Jahre eine Zusatzausbildung als Notfallmedizinerin drangehängt. Zwei Jahre arbeitete sie in einer Klinik in Mexikos Hauptstadt. Dann wollte sie weg. Gründe gab es mehrere. Die Arbeitsmöglichkeiten etwa: „In Mexiko gibt es nicht denselben Zugang zu Diagnostik, zu Medikamenten. Hier haben wir alles – CT, MRT zum Beispiel. So lernt man selbst auch viel mehr.“ Ein anderer Faktor war die persönliche Sicherheit im Alltag. Sie selbst, sagt Soriano, sei in Mexiko nie Opfer einer Straftat geworden. Doch die Kriminalitätsrate dort sei extrem hoch – und das schränke das Leben ein: „Man ist nicht ganz sicher, immer etwas unruhig, muss aufpassen, sein Leben danach ausrichten. Um 3 Uhr morgens nach Hause kommen ist einfach sehr gefährlich“, sagt sie. Und schließlich das Geld: „Hier gibt es eine gute Sozialversicherung – und das Gehalt ist einfach viel, viel höher“. 1.200 Euro netto hat sie umgerechnet als Fachärztin in Mexiko verdient. In Deutschland werden es mindestens 2.800 Euro netto sein.

Deutsch hatte sie schon ab 2012 am Goethe-Institut in ihrer Heimatstadt Mexiko-Stadt gelernt, insgesamt 3 Jahre, auf eigene Kosten. „Ich wollte immer schon in Europa leben“, sagt sie. Frankreich wäre auch infrage gekommen, Soriano sagt, sie spreche „besser Französisch als Deutsch“, und das muss dann schon ziemlich gut sein. Aber die französische Bürokratie mache es ausländischen Ärzt_innen alles andere als leicht. „Bei der französischen Botschaft in Mexiko hat man mir gesagt, dass ich meinen Abschluss theoretisch anerkennen lassen kann, aber es sehr, sehr schwer sei.“ Drei Jahre hätte sie an der Uni in Frankreich wiederholen müssen. „Und dann hab ich gedacht: Warum nicht Deutschland? Ich kann ja schon Deutsch.“

Hier lägen die Hürden nicht so hoch, sagt sie. Seit ihrer Ankunft lebt sie im Wohnheim des Krankenhauses. Vormittags besucht sie einen Fachsprachkurs im nahe gelegenen Wittenberg, 20 Stunden pro Woche arbeitet sie im Krankenhaus als medizinische Hilfskraft. Wenn alles gut läuft, will sie im Sommer die Fachsprachprüfung und im September 2021 die Kenntnisprüfung ablegen. Dann hat sie eine deutsche Approbation. „Das IQ Netzwerk unterstützt mich bei allem und trägt die Kosten.”

Perleberg, 12.000 Einwohner_innen, nahe der Elbtalaue zwischen Hamburg und Berlin, gefalle ihr gut, sagt sie. „Ich mag es ganz ruhig. Ich will von der Kriminalität nicht mein Leben bestimmen lassen – und hier muss man keine Angst vor Diebstahl haben, ich fühle mich sicher.“ Vielleicht 10, vielleicht 20 Jahre, „vielleicht das ganze Leben“, wolle sie diesmal bleiben, sagt sie.

Ihre Ankunft fiel in die Zeit der Corona-Pandemie. „Natürlich haben wir hier auch schwere Fälle, aber in Mexiko waren es mehr”, sagt sie. Eigentlich habe sie wegen Corona in Perleberg „nicht so viel Stress“. Ihr erster Heimatbesuch indes wird wohl ausfallen: „Ich würde gern Weihnachten nach Mexiko”, sagt sie. „Aber dann müsste ich so lange in Quarantäne, das ist etwas schwierig. Vielleicht fliege ich erst im April.”


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